Der Vorstand der Pfarrei-Initiative plant, an der nächsten Generalversammlung im Januar 2020 den Verein aufzulösen. Nicht weil er meint, die Pfarrei-Initiative hätte ihre Aufgabe erfüllt, sondern weil wir den Glauben an die Reformwilligkeit der Katholischen Kirche verloren haben.

Die Auflösung der Pfarrei-Initiative reiht sich damit ein in das Schicksal anderer Reform-Initiativen der jüngsten Zeit, die gegen das erstarrte klerikale System ebenso wenig ausrichten konnten. Erinnerst sei an «Kirche*mit», der Marsch der Frauen nach Rom im Jahr 2017, an die Protestbewegung «Segen statt Brot», an den Frauenkirchenstreik. Und nicht zu vergessen die Zahlreichen Kirchenaustritte von resignierten Menschen, darunter auch der Austritt sechs prominenter Frauen, Theologinnen und Politikerinnen im 2018. Immer wieder wurde viel Kreativität eingesetzt und an den eigenen Problemen ändert sich nichts, ja es wird vertröstet und verzögert.

Der Vorgang ist immer derselbe: Von einem Teil der Männer, welche die Kirche leiten, werden diese Protestbewegungen schlicht ignoriert oder gar verunglimpft. Von den etwas Aufgeschlosseneren werden sie besorgt zur Kenntnis genommen.  Manchmal werden Vertreterinnen dieser Bewegungen zu einem freundlichen Gespräch eingeladen, manchmal wird unverbindlich Verständnis und Sympathie signalisiert, aber getroffen werden keine Massnahmen. In Einzelfällen werden zur Beruhigung kosmetische Veränderungen angekündet. Damit wird von der Kirchenleitung signalisiert, dass man das Problem erkannt hat und etwas bewegen möchte. Aber mit kosmetischen Korrekturen dispensiert man sich gleichzeitig, das Übel grundsätzlich anzugehen. Man hat das Melanom gesehen und übertüncht es mit heller Hautfarbe; der Krebs wuchert verhängnisvoll weiter.

In der katholischen Kirche haben die Männer die obersten Leitungsfunktionen und die Definition der Glaubenswahrheiten, das Wächteramt über die Lehre der Kirche sich allein vorbehalten. Auf Grund ihres männlichen Geschlechtes fühlen sie sich allein ermächtigt, der Eucharistiefeier vorzustehen. Wird die Abschaffung dieser entsetzlichen und unevangelischen Ungerechtigkeit gefordert, bestehen die kosmetischen Massnahmen darin, dass man möglichst viele Sekretariate und untergeordnete Leitungsämter mit Frauen besetzt. Ja, man gesteht Frauen in Einzelfällen sogar zu, an Synodensitzungen als Hörerinnen teilzunehmen. Man lässt sie unter der Aufsicht eines (männlichen) Priesters Pfarreien leiten. Aber am Zweiklassensystem Kleriker-Laien; Kleriker-Frauen, wird nicht gerüttelt.

Damit hängt auch zusammen, dass die Leitungsverantwortlichen der katholischen Kirche keinen Weg finden wollen zur Anerkennung der Gastfreundschaft im Abendmahl mit den evangelischen Schwesternkirchen. Wie denn auch? Werden doch in den anderen Kirchen die Segensworte über Brot und Kelch von nichtgeweihten Männern und Frauen gesprochen. Und so bleibt es bei der Kosmetik: Bei gemeinsamen Wort-Gottesdiensten. Und man überbietet sich in Einladungen zu sozialen und ökologischen Aktionen und wird dabei nicht müde, zum Gebet für die Einheit der Christen aufzurufen. Aber wer denn soll diese Einheit herbeiführen, wenn nicht jene, welche an der Spaltung so hartnäckig festhalten?

Und wie geht die Kirche um mit den Menschen, welche in ihrer Sehnsucht nach menschlicher Liebe und Gemeinschaft unterschiedliche Wege gehen und suchen? Mit jenen, die neue Verbindungen eingehen, nachdem eine Ehe zerbrochen ist? Wie geht die Kirche um mit jenen Menschen, denen die Natur eine andere sexuelle Ausrichtung geschenkt hat, als sich das eine vorwissenschaftliche Auslegung der Genesis vorstellen kann?

Wen wundert’s, wenn sich unter diesen Umständen nur noch wenige Männer für den Priesterberuf entscheiden? Der Pflicht-Zölibat ist nicht der einzige Grund. Und so wird der Pfarrer-Mangel in den Pfarreien auf bewährte kosmetisch Weise überspielt: Man schafft aus vielen Pfarreien einen einzigen pastoralen Grossraum und damit ist das Problem scheinbar gelöst.

Viele Frauen und Männer in der Kirche erwarten keine hilfreichen Worte und Entscheidungen mehr von jenen Männern, welche die Entscheidungsgewalt in der Kirche ausüben. Nicht wenige, darunter auch viele engagierte Menschen, sind aus der Kirche ausgetreten. Andere haben auf verschiedene Weise versucht, die Dringlichkeit von Reformen aufzuzeigen. Sie wurden mit freundlichen Worten vertröstet und ruhiggestellt.

Und dennoch lebt die Kirche: Einzelne, Gruppen und ganze Kirchgemeinden, sogenannte Laien und einfache Kleriker haben Wege gesucht, um ihren Glauben in unserer Zeit zu leben und zu feiern. In ihnen lebt und überlebt die Botschaft vom Reich Gottes. Mit ihnen wollen wir weiter gehen.  Wenn wir also die Pfarrei-Initiative beenden dann nicht, weil das Ziel einer auf Gleichheit aller basierenden Kirche erfüllt worden sei. Vielmehr weil immer mehr offensichtlich wird, dass die nächsten Schritte nur durch Selbstermächtigung aller Gläubigen und der Gemeinden möglich sein werden, und dass jeglicher Apell an die Reformbereitschaft der Bischöfe sich als zwecklos erweist. Für die Umsetzung eines solchen Strategiewechsels braucht es neue Kräfte, die hoffentlich durch das Beenden von manchem Alten freigesetzt werden.

 

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